Geheimsache Öl: Warum Schweizer Schmierstoffe international so gefragt sind

17. Juli 2017 agvs-upsa.ch - Die Schweizer Ölindustrie ist weltweit führend. Wir nahmen im Zürcher Oberland bei Panolin einen Augenschein, warum Öle aus der Schweiz so gefragt sind.


Die Büros und Labors von Panolin sind in einem grossen, schönen Landhaus (rechts) untergebracht.

srh. Die Szenerie ist idyllisch und erinnert mehr daran, in welcher Umgebung sich Fuchs und Hase gemeinhin gute Nacht sagen. Im kleinen Weiler Madetswil zwischen dem Tösstal und dem Kempttal ist aber einer der drei grossen Schweizer Schmierstoffproduzenten beheimatet. «Kein Wunder sind wir weltweit bekannt für biologisch abbaubare Schmierstoffe. Eingebettet mitten in der Natur, möchte man dieser auch Sorge tragen. Die Schweizer Qualität ist in diesem Bereich ein riesiges Plus», sagt Geschäftsführer Silvan Lämmle.
 
Die Büros und Labors sind in einem grossen, schönen Landhaus untergebracht. Noch, ist anzumerken. Denn wenige Tage nach unserem Besuch fuhren die Bagger auf. «Wir bauen ein neues Hauptgebäude», verrät Lämmle. 91 Angestellte arbeiten in Madetswil, dazu kommen weltweit 400 weitere Mitarbeitende.


Unzählige Fässer stehen in Madetswil zum Abtransport bereit. Zum Beispiel nach Lettland oder Japan.

So geheim die Rezepturen – und damit die Grundlage des Erfolgs von Schweizer Öl – sind, so unauffällig liegt der Komplex in den sanften Hügeln des Zürcher Oberlands. Silvan Lämmle sitzt in einem Sitzungszimmer, an den Wänden hängen Replikate – getreu dem Slogan von Panolin «Kunst kommt von Können». Hier drin entstünden die Formulierungen für die verschiedenen Öle, erklärt er und rechnet gleich vor: «Wir haben 730 aktive Produkte mit 3650 Varianten.» Und er zieht einen simplen Vergleich, wieso die Schweiz zu den führenden Ölproduzenten gehört, ohne über eigenes Öl zu verfügen: «Wir kaufen einsatzfertige Rohstoffe und Additive und produzieren daraus mittels spezifischen Formulierungen unsere Hochleistungs-Schmierstoffe – wie ein Schokohersteller. Dieser kauft Kakao, Milch und Butter und produziert nach eigenem Rezept die Schokolade.»
 
Regelmässige Kontrolle
Vom Sitzungszimmer führt Silvan Lämmle vorbei an den Chemielabors, wo in Reagenzgläsern aktuelle Formulierungen geprüft und neue getestet werden. «Die Ölproduktion war schon immer eine Wissenschaft, aber aus heutiger Sicht war es früher bedeutend einfacher», erzählt er, um gleich noch anzufügen: «Früher gab es noch Sommer- und Winteröl.» Und weil er schon in den Erinnerungen schwelgt, schiebt er auf dem Weg vom Bürohaus zum Produktionsgebäude eine Episode nach: «Als Saurer für seine Lastwagen den Ölwechsel-Intervall von 5000 km auf 7500 km erhöhte, sagte mein Grossvater gemäss Überlieferungen: ‹Mein Gott, wir werden kein Öl mehr verkaufen!›» Heute legt ein LKW zwischen zwei Ölwechseln bis zu 90 000 km zurück.


Stephan Lämmle (Bild links) vor der Mischanlage mit den drei 6000 Liter fassenden Tanks. Hilke Seiler überprüft im Labor die Formulierungen der Öle.
 
Über die Treppe geht der Weg ins Obergeschoss, wo die Zutaten in je 6000 Liter grossen Tanks gemischt werden. «Die Reihenfolge wird mit der Formulierung festgelegt», erklärt Lämmle. Über Leitungssysteme werden die verschiedenen Stoffe in die Mischanlage geführt. «Die Formulierungen sind zwar sichtbar, aber codiert.» Aus dem Nebenraum kommt Stephan Lämmle. Der Leiter Produktionslogistik ist ein Bruder von Silvan Lämmle und gehört zur dritten Generation Lämmle bei Panolin. Er schliesst ein rotes Fass an, der Inhalt fliesst in den Mischbehälter: «In regelmässigen Abständen giessen wir ein abgemischtes Fass wieder in den Umlauf, um allfällige Kontaminationen im Ausguss festzustellen.»
 
Wie ein guter Bierbrauer
Die Lämmle-Brüder zeigen die Geheimzentrale von Panolin; einen kleinen Raum mit Blick auf die Mischanlage. «Es ist unser Langley», scherzt Silvan Lämmle und sein Bruder entfernt für ein Foto ein A4-Blatt. Hier laufen die Fäden zusammen und werden die Mischungen eingestellt. «Am Mischer liegt es, das Öl am Ende richtig einzustellen – wie ein Fünf-Sterne-Koch. Deshalb hängt auch das Miraculix-Plakat im Treppenhaus», erklärt Stephan Lämmle. Sein Bruder ergänzt: «Es ist wie bei einem guten Bierbrauer. Die Formulierung wird für einen Liter geschrieben, aber produziert werden anschliessend 5000 Liter.» Erlernen könne man den Beruf aber nicht: «Ich lernte Polymechaniker und wurde dann ein halbes Jahr eingearbeitet – das war eher knapp. Erfahrung ist sehr wichtig in diesem Job.»
 
Im Erdgeschoss sind Refet Hasipi und Bruno Maggi an der Arbeit. Fass um Fass, Gebinde um Gebinde befüllen sie – direkt aus einem der Mischtanks oder dem 32 000 Liter fassenden Zwischentank – und stellen diese für den weiteren Transport bereit. Rund 60 Prozent der Produktion sind für den Export bestimmt. Pro Tag seien es mehrere Tausend Liter. «Die Lieferung von 200 000 Liter Schmiermittel für den Panamakanal war in drei Tagen fixfertig», sagt Silvan ­Lämmle nicht ohne Stolz. Aber nicht nur die wichtigste Schiffsverbindung zwischen Atlantik und Pazifik oder das Riesenrad London Eye setzen auf Qualitätsprodukte aus der Schweiz. «Die Schweiz ist der grösste Kaffeeexporteur, ohne selber Kaffeebohnen anzubauen. Sie ist der bedeutendste Uhrenhersteller, ohne selber die entsprechenden Rohstoffe zu haben. Und sie ist der wichtigste Produzent von Schokolade, obwohl kein Kakao wächst», zählt Silvan Lämmle auf und blinzelt in die Sonne. «Die Schweiz hat eine führende Rolle in Technologie und Innovation – das gilt eben auch für Schmierstoffe.» Und die Nachfrage nach biologisch abbaubaren Ölen stärke die Marktposition der Schweizer Technologieführer.
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