«Die Zahl der Unfälle im Autogewerbe nimmt ab»

3. April 2018 agvs-upsa.ch - Am 1. April 1918 nahm die Schweizerische Unfallversicherung Suva ihren Betrieb auf. Ursprünglich aufgrund von Risiken am Arbeitsplatz gegründet, übersteigt die Zahl der Freizeitunfälle 100 Jahre später jene der Betriebsunfälle deutlich. AUTOINSIDE sprach mit Suva-Chef Felix Weber über lebenswichtige Regeln, über die Entwicklung der Unfallzahlen im Autogewerbe und über Fussball.
 
sco. Herr Weber, die Zahl der Berufsunfälle gehen zurück, dafür nehmen Freizeitunfälle zu. Ist das ein erfreulicher Trend oder läuft da etwas Grundsätzliches schief?
Felix Weber (Vorsitzender der Geschäftsleitung der Suva): Dass die Berufsunfälle kontinuierlich abnehmen, freut uns besonders. Diese Entwicklung zeigt: Prävention wirkt. Der Grund für die Zunahme von Freizeitunfällen liegt unter anderem im veränderten Freizeitverhalten und in vermehrten Freizeitaktivitäten. Bei der Gründung der Suva machten die Freizeitunfälle nur gerade zwölf Prozent aller anerkannten Fälle aus. Heute sind es 60 Prozent. Deswegen denken wir Prävention ganzheitlich. Denn ein Arbeitnehmer fehlt im Betrieb auch nach einem Freizeitunfall.
 
Was kann die Suva tun, um die Zahl der Freizeitunfälle zu senken?
Wir passen die Präventionsarbeit der Realität an. Mit verschiedenen Präventionskampagnen geht die Suva seit Jahren konsequent gegen Unfallrisiken in der Freizeit vor. Dabei wollen wir auch die Betriebe dafür gewinnen, selber präventiv gegen Unfälle ihrer Mitarbeitenden in der Freizeit aktiv zu werden. Damit können im eigenen Unternehmen Ausfallzeiten, Kosten und Aufwände verhindert werden.
 
Welches sind Ihre wichtigsten Kanäle, um Ihre Versicherten zu erreichen?
Nebst den klassischen Kanälen wie persönliche Gespräche, Kundenmagazin, Newsletter, TV-Spots oder Printmedien setzt die Suva seit Jahren verstärkt auf digitale Kanäle. Sei es auf Facebook, Youtube, Twitter, Linked­in oder über News auf unserer Website: Wir suchen den Dialog. In unserem Newsroom kreieren wir zudem vermehrt attraktive Bildwelten, mit denen wir die richtige Zielgruppe mit den richtigen Botschaften noch besser erreichen.
 
Sie waren früher aktiver Fussballer. Schnüren Sie Ihre Schuhe noch immer oder ist Ihnen das Risiko zu hoch?
Fussball ist ein Sport, der mir immer grossen Spass bereitet hat. Heute spiele ich nur noch ab und zu mit meinem Sohn im Garten. Da ist das Verletzungsrisiko gering. Falls aktive Fussballspieler ihr Verletzungsrisiko abschätzen möchten, empfehle ich unter fussballtest.suva.ch unseren Online-Fussballtest zu absolvieren.
 
Die Suva wurde einst aufgrund von Unfallrisiken am Arbeitsplatz gegründet. Ist sie angesichts der sich verändernden Arbeitswelt ein Auslaufmodell?
Nein. Die Präventionsarbeit wird uns nicht ausgehen. Neue Technologien oder Verfahrensweisen können zu neuen Gefährdungen führen. Gleichzeitig umfassen sie auch Chancen, wenn sie beispielsweise für Sicherheitsvorkehrungen genutzt werden. Die Digitalisierung ermöglicht unzählige Anwendungsbeispiele. Sensoren zum Beispiel stoppen Maschinen, wenn jemand in den Gefahrenbereich gerät. Intelligente Fahrsysteme teilen uns mit, wenn Anzeichen von Übermüdung vorliegen oder Fahrzeuge aus der Spur geraten. Diese Möglichkeiten müssen wir nutzen und auch in unsere Präventionsarbeit einfliessen lassen. Zudem hilft uns die Digitalisierung wesentlich, unsere Effizienz zu steigern.
 
In der Schweiz gibt es jedes Jahr rund 100 tödliche Betriebsunfälle. Wo kann und will die Suva ansetzen, um diese Zahl zu senken?
Für die Vermeidung von Berufsunfällen setzen wir auf die lebenswichtigen Regeln, die unsere Sicherheitsspezialisten gemeinsam mit den betroffenen Branchen für Tätigkeiten mit hohen Risiken erarbeitet haben. «Wir arbeiten mit sicheren Maschinen und Anlagen und bedienen diese vorschriftsgemäss», lautet beispielsweise eine solche Regel. Jede Regel für sich ist einfach zu erfüllen, aber man muss daran denken und die Regeln verinnerlichen. Werden diese Regeln verletzt, gilt für alle Vorgesetzten und Mitarbeitenden: Stopp! Die Arbeit kann erst weitergeführt werden, wenn die Gefahr behoben ist. Dass die lebenswichtigen Regeln Leben retten können, zeigen unsere Analysen. Über 60 Prozent der tödlichen Berufsunfälle könnten mit konsequentem Einhalten dieser Regeln verhindert werden.
 
Wie zufrieden ist der Suva-Chef mit dem Autogewerbe in Sachen Arbeitssicherheit?
Die Anzahl Unfälle hat im Autogewerbe in den letzten zehn Jahren um einen Sechstel abgenommen. Dies ist ein erfreulicher Trend und besser als der Durchschnitt aller Suva-versicherten Branchen.
 
Was hat sich verbessert, wo besteht Handlungsbedarf?
Betriebe, die sich der Branchenlösung des Auto- und Zweiradgewerbes angeschlossen haben, weisen durchschnittlich weniger Unfälle aus. Das bedeutet, dass sich ein Beitritt zur Branchenlösung lohnt. Zudem empfehlen wir die konsequente Anwendung der persönlichen Schutzausrüstung (PSA), um die überdurchschnittlich vielen Augen- und Handverletzungen zu vermeiden.
 
Womit wir bei den häufigsten Unfällen in Garagenbetrieben sind. Welches sind die häufigsten Gründe, dass sich Mitarbeitende in der Werkstatt verletzen?
Stürzen, Stolpern, Augen- und Handverletzungen. Aber auch Abstürze bei Arbeiten in der Höhe führen zu Unfällen. Hier kommen wieder die lebenswichtigen Regeln ins Spiel. Hält man diese konsequent ein, können genau solche Unfälle verhindert werden. 
 
Wie ist die Suva heute finanziell aufgestellt?
Sehr stark. Im versicherungstechnischen Teil konnten wir acht Jahre in Folge in den meisten Versicherungszweigen die Prämien senken. Zusätzlich haben wir Überschüsse aus der Berufsunfallversicherung von insgesamt 275 Millionen Franken an die Versicherten zurückerstattet. Die Verwaltungskosten haben wir im Griff und bei den Kapitalerträgen waren die letzten Jahre dermassen gut, dass wir zum ersten Mal überprüfen, ob und wie wir unsere Versicherten auch in diesem Bereich von den guten Resultaten profitieren lassen können.
 
Wie stark ist ihr Geschäft von der aktuellen Phase der Niedrigstzinsen tangiert?
Die Negativzinsen haben einen grossen Einfluss auf die Aktivseite der Bilanz. Natürlich sorgen die Negativzinsen für Ertragsausfälle bei den festverzinslichen Anlagen und für wesentlich höhere Kosten für die Währungsabsicherungen. Die tiefen Zinsen führen aber auch dazu, dass wir über eine Senkung des technischen Zinses nachdenken müssen, was eine erhebliche Verstärkung der Rückstellungen zur Folge hätte.
 
Wie sieht die Suva 2050 aus?
Das Erfolgsmodell Suva hat die Unfallversicherung in der Schweiz die vergangenen 100 Jahre massgeblich geprägt. Es dient als starke Basis. Aber wir müssen die Suva weiterentwickeln und noch effizienter werden. Mit unserer neuen Strategie stellen wir die Prävention verstärkt ins Zentrum unseres Modells. Die Kernaufgabe der Suva wird auch bis 2050 gleich bleiben: Wir machen Arbeit und Freizeit sicher. Ändern wird sich das «Wie».
 
 

Kennzahlen 2016

Anzahl Mitarbeitende: 4200
Anzahl Versicherte: 2.0 Mio
Anzahl versicherte Betriebe: 128 000
Anzahl Versicherungsfälle: 461 000
Prämiensumme brutto: 4.1 Mrd.
Bezahlte Versicherungsleistungen: 4.2 Mrd.
Versicherte Lohnsumme BUV: 147.8 Mrd.
Investitionen in Prävention: 108.5 Mio.
Feld für switchen des Galerietyps
Bildergalerie