«Wir leben heute nicht mehr in der Zeit des ‹heiligen Blechle›»

31. Oktober 2017 agvs-upsa.ch – Er gehört zu den besten Kennern der Automobilindustrie überhaupt, nimmt selten ein Blatt vor den Mund – und er prophezeit dem Auto eine hervorragende Zukunft, dem öffentlichen Verkehr dafür keine: Professor Ferdinand Dudenhöffer. Der Referent des nächsten «Tag der Schweizer Garagisten» sieht das Autogewerbe mit grossen Herausforderungen konfrontiert.


Professor Ferdinand Dudenhöffer zur Zukunft der Automobilbranche: «Wir leben heute nicht mehr in der Zeit des «heiligen Blechle», der Mechanik, sondern in der Zeit der digitalen Veränderung all unserer Prozesse und Produkte.» (Bild zvg)

Herr Professor Dudenhöffer, in Ihrem aktuellen Buch schreiben Sie, die Automobilindustrie würde ihre beste Zeit nicht hinter, sondern vor sich haben. Wird alles gut?
Ferdinand Dudenhöffer: Es ist die grösste Veränderung und gleichzeitig die grösste Herausforderung für die Branche: Elektromobilität, autonomes Fahren, Sharing Economy. Von daher werden sich viele Strukturen völlig verändern. Aber wovon wir ausgehen, ist, dass der Bedarf an individueller Mobilität und damit die Nutzung von Autos steigt. Das neue Auto und die neue Industrie – wie sie auch immer aussieht – hat viel Zukunft vor sich.
 
VW-Chef Matthias Müller ist überzeugt, dass Deutschlands Autobranche die Mobilität von morgen massgeblich prägen wird. Einverstanden?
Ja, Matthias Müller hat recht. Mit Ferdinand Piëch und Martin Winterkorn wäre VW der grosse Verlierer geworden – so, wie es in den nächsten Jahren vielleicht Toyota wird, und so, wie es mal GM, Ford oder Chrysler erwischt hat. Die Grössten sind nur dann zukunftsfähig, wenn sie den Wandel gestalten. Matthias Müller von VW, Dieter Zetsche von Daimler und Harald Krüger von BMW machen das.    
 
Um nochmals Matthias Müller zu zitieren: Er sagt, man sei noch längst nicht am Ziel, aber auf dem richtigen Weg. Wie sehen Sie das?
Auch hier stimme ich zu.
 
VW hat soeben verkündet, dass man mit einem weiteren Rekordjahr rechnet. Würden Sie Aktien von Automobilherstellern kaufen?
Ich gebe keine Aktientipps oder Empfehlungen. Dafür sollten Sie zu Ihrem Anlageberater gehen. Ich versuche nur, zu verstehen, wie sich Branchen ändern und was Geschäftsmodelle von morgen sein könnten.
 
Ist Mobilität eines der Megageschäfte der Zukunft?
Heute kaufen sich nur wenige ein Flugzeug, um zu fliegen, oder ein Hotel, um Urlaub zu machen. Den Umsatz machen also die Airlines oder die Touristikunternehmen. In der Zukunft werden es die App-Provider sein. Ob die dann Moovel, Uber, Moia oder Didi heissen, werden wir sehen.
 
Worauf kommt es aus Sicht eines Herstellers in Zukunft an? Welche sind die Wachstumstreiber?
Die drei grossen Veränderungen umzusetzen: Elektromobilität, autonomes Fahren und Sharing Economy – meinetwegen können Sie auch Digitalisierung dazu sagen. Wir leben heute nicht mehr in der Zeit des «heiligen Blechle», der Mechanik, sondern in der Zeit der digitalen Veränderung all unserer Prozesse und Produkte. Wir müssen wie Elon Musk oder Steve Jobs werden. Nicht Toyota oder Sony sind die Zukunftsunternehmen, sondern das Silicon Valley, gepaart mit der Geschwindigkeit der Chinesen. Das macht die Zukunft aus.     
 
Welche sind also die grössten Herausforderungen?
Auf der einen Seite haben wir mit den Trends zur Elektromobilität, autonomem Fahren und Sharing Economy völlig neue Zulieferer – wie etwa Batteriehersteller und Softwareunternehmen. Auf der anderen Seite wird das Auto zunehmend zu einer Art «Dienstleistung». Wir werden es nicht mehr besitzen, sondern benutzen.  
 
Wenn sich die Hersteller immer stärker zu Mobilitätsdienstleistern entwickeln – wo bleibt der Garagist, der sich ebenfalls immer stärker in diese Richtung entwickeln muss?
Er wird langfristig zum Dienstleister, der die technische Wartung und den Einsatz übernehmen könnte. Er könnte auch selbst Anbieter von Mobilität werden. Eine anspruchsvolle Herausforderung, aber das alles entwickelt sich nicht in den nächsten fünf Jahren, sondern braucht etwas länger. Sicher erscheint nur der Wandel. Wir haben also Zeit, uns auf die neuen Aufgaben vorzubereiten. Dass sich die Sachen ändern, sieht man etwa bei VW, wo man mit Partnern neue Verträge schliessen muss, oder bei Smart, die zur Elektromarke werden will. Aber auch bei der neuen Marke Lynck & Co, die aus China zu uns kommen wird und vom stationären Vertragspartner wegwill.   
 
Hat der Verbrennungsmotor, namentlich der Diesel, eine Zukunft?
Das ist eine Frage des Zeithorizonts. Wenn Sie Zukunft auf fünf Jahre definieren – sicher. Wenn Sie Zukunft auf 25 Jahre festlegen, dann meiner Meinung nach nicht. China definiert künftig die Regeln des Autogeschäfts. An der Grösse des Markts kommt keiner vorbei. Und China geht mit hohem Tempo zum Elektroauto über.
 
Wie beurteilen Sie das Marktpotenzial von Gas als Treibstoff?
Ich kann mir einen grossen Marktdurchbruch vorstellen. Wir probieren das seit mehr als 25 Jahren, allerdings mit überschaubarem Erfolg. Es bleibt der einfache Verbrennungsmotor. Und der wird langfristig im PW-Bereich ein Problem bekommen.
 
Das Problem bei Elektrofahrzeugen ist, dass jeder Hersteller meint, er müsse solche im Angebot haben. Der Markt ist aber noch kaum vorhanden, die Ökobilanz, bezogen auf die Herstellung und die Entsorgung der Batterien, schlecht und mit Kohle produzierter Strom für den Betrieb auch nicht gerade klimaverträglich. Ausserdem könnte der Bedarf gar nicht gedeckt werden, wenn alle plötzlich Elektrofahrzeuge fahren. Warum also dieser Hype?
Das Elektroauto ist in der Stunde fünf, der Verbrennungsmotor in der Stunde 130. Selbstverständlich ist in der Stunde fünf nicht alles ideal. Aber die grossen Vorteile – lokal emissionslos, 95 Prozent Effizienz bei der Energieverwertung, Übergang zum nachhaltigen Strom und der Druck aus China – bringen den Durchbruch. Berta Benz hatte das Benzin in der Apotheke gekauft. Niemand hatte gedacht, dass wir einst in eine Erdöl- und Mineralölwirtschaft heutigen Ausmasses gehen. Wir sollten nicht versuchen, Gründe zu finden, die uns sagen, dass etwas nicht geht, sondern uns auf die Zukunft einstellen. Sonst werden wir vom Fortschritt aus China überrollt. Das beste Beispiel ist Elon Musk mit Tesla. Er hat die Welt verändert. Ohne Elon Musk und die Regulierungen in China gäbe es kein Elektroauto. Damit wäre unsere Welt ärmer.    
 
Über Ihr Institut führen Sie regelmässig Veranstaltungen in Asien durch. Sie können sich ein differenziertes Bild des Potenzials, vor allem jenes der Chinesen, machen: Welche Rolle wird China in Zukunft im Bereich Mobilität spielen?
Zuerst gab es die Amerikaner, dann kamen die Japaner mit ihrer Lean Production, dann die Koreaner und Europäer mit Technologie. Die Zukunft wird China gehören. Und da können nicht nur die Geelys und Great Walls dabei sein, sondern alle mitmachen, die dynamisch und innovativ sind.   
 
Der öffentliche Verkehr spielt in der Mobilität der Zukunft keine dominierende Rolle mehr?
Er wird es schwerer haben. Wenn das Auto vor meine Haustür fährt, wenn die Fahrt mit dem Roboterauto kostengünstiger, weniger störungsanfällig und komfortabler als mit der Bahn ist, dann muss man sich im öffentlichen Sektor was überlegen. Und denken Sie daran, in Zukunft müssen die Autos nicht mit einer Person bewegt werden, so wie heute. Die Uber und Didi der Welt werden uns dann so etwas wie einen «halböffentlichen» Verkehr bieten, der eigentlich «individuell» ist, nur dass vielleicht noch ein paar weitere Gäste chauffiert werden. Das Auto wird zum Gewinner – einfach nicht mehr als unser heutiges «heiliges Bleche».  
 
Referent am nächsten «Tag der Schweizer Garagisten»
In seinem neusten Buch «Wer kriegt die Kurve? Zeitenwende in der Autoindustrie» beschreibt Professor Ferdinand Dudenhöffer «das Ende des Autos, wie wir es kennen». Er umreisst die Autobranche an der Schwelle zu einer neuen Welt – der Welt von Apple, Google und anderen IT-Unternehmen. Er geht ausserdem den Fragen nach, ob die etablierten Hersteller gerüstet sind, um ihre führende Rolle zu behaupten und wie die zukunftsweisenden Geschäftsmodelle aussehen könnten.

Professor Ferdinand Dudenhöffer ist Referent am nächsten «Tag der Schweizer Garagisten» vom 17. Januar 2018 im Kursaal in Bern. Anmeldungen sind nach wie vor möglich.
Feld für switchen des Galerietyps
Bildergalerie