Hausmesse – die neue Idee im Aftermarket funktioniert

3. Oktober 2016 agvs-upsa.ch - Die RHIAG, Lieferantin von Ersatzteilen in Erstausrüsterqualität, hat der Fachmesse in Halle 7 in Genf den Rücken gekehrt und setzt auf eine eigene Hausmesse in Langenthal. Hier bringt sie ihre Lieferanten und ihre Kunden aus dem Schweizer Autogewerbe in einer anregenden Atmosphäre zusammen. Am vergangenen Wochenende fand sie erstmals statt – und war ein voller Erfolg. Deshalb fasst die RHIAG bereits eine Expansion ins Auge.
 
«Es war ein Experiment mit ungewissem Ausgang und mit erheblich Risiko verbunden, aber am Schluss ist die Rechnung aufgegangen: Unsere erste eigene Hausmesse war ein voller Erfolg.» Es ist weniger Erleichterung als Stolz, die aus der Bilanz von RHIAG-Marketingleiter Roger Hunziker spricht. Und das zu Recht. Wer am Wochenende die Markthalle in Langenthal besucht hat, war überrascht, wie eine Fachmesse im Vergleich zur doch eher steifen Stimmung in Halle 7 am Automobil-Salon in Genf aussehen kann: bunt, unterhaltsam, entspannt und anregend zugleich. Die Halle war von Beginn am Samstagnachmittag an voll, die Aussteller ununterbrochen in Fachgesprächen vertieft, Prospekte verteilend und Plastiksäcke mit Give-aways füllend. «Das ist der Wahnsinn hier», sagt Sven Thimm, Gebietsverkaufsleiter der Aftermarket Business Unit von Brembo, die mit einem Stand in Langenthal dabei sind. Er habe schon viele regionale Fachmessen gesehen, besuche solche mit seinem Team in Deutschland mehrmals pro Jahr, aber das hier sei nicht nur der angenehmen Atmosphäre wegen bemerkenswert: «Wir hatten über das ganze Wochenende kaum zwei Minuten Ruhe.» Klagen klingt anders.
 
Herzstück der Messe ist die Beiz in der Mitte der Halle, die permanent praktisch bis auf den letzten Platz besetzt ist und wo das Servicepersonal kaum nachkommt mit Verteilen von Weisswürsten, Brezeln und Weissbier. Man sieht Garagisten zusammen mit ihren Familien, die Kinder sind beschäftigt, Vater auch und später am Abend spielt sogar eine Band – ein echter Marktplatz. Mehr als das – es ist ein kleines Dorffest hier in Langenthal.
 
Genügend Aussteller zu finden war einfach
1‘300 Anmeldungen hatte Roger Hunziker innerhalb von nur wenigen Tagen erhalten. Er habe sich die Augen gerieben, als er sie durchgezählt habe, sagt er. Seine grosse Sorge im Vorfeld waren weniger die Besucher als die Aussteller, die es für die Messe zu gewinnen galt. Doch auch hier wurde Hunziker positiv überrascht: «Im Nachhinein war die Aufgabe, genügend Aussteller zu finden, sogar die Einfachste», sagt er. 34 waren es an der ersten RHIAG-Hausmesse – und für die nächste Ausgabe, die für Hunziker so gut wie sicher kommt, peilt er eine noch höhere Zahl an. Damit nähere sich die RHIAG langsam aber sicher jener Dimension an, die Halle 7 in Genf inzwischen habe, sagt er, der die eigene Hausmesse als eine Art «Notwehr» zur Stagnation in Genf versteht: «Irgendwann kommt der Punkt, an dem man das Heft selber in die Hand nehmen muss.»

Zukunftspläne sind bereits gemacht
Die Lokalität der Markthalle in Langenthal kommt dem Konzept entgegen – nicht nur des Namens wegen: mit ihren Nischen und den vielen Fenstern eignet sie sich dafür sehr gut. Nur: Wenn nächstes Jahr noch mehr Aussteller dazu kommen sollten, die, wie heute, Raum zwischen 16 und 50 Quadratmeter belegen, wird es bereits etwas knapp. Das sieht auch Hunziker, wenn er sagt, dass man zwar noch etwas zusammenrücken könne, aber falls das mit der angestrebten Expansion tatsächlich funktioniere, dann müsse man sich bereits heute überlegen, wo man die Messe künftig stattfinden lassen wolle. Hunziker hat da bereits eine Idee – «mehr als eine Idee», präzisiert er. Doch zu seinem «Konzept 2020» mag er trotz hartnäckiger Nachfrage noch nichts erzählen.
 
 
Fragen an Christoph Kissling, CEO RHIAG Group Ltd.
 
«Wir gehen nicht mehr nach Genf – so oder so»
 
Christoph Kissling, CEO der RHIAG, zieht eine erfolgreiche Bilanz der ersten Hausmesse. Er spricht über die Risiken, die der bedeutende Marktteilnehmer im Schweizer Aftermarket mit der Lancierung einer eigenen Fachmesse eingegangen ist – und darüber, warum Genf für seine Gruppe keine Option mehr sein kann.
 
Mit dem Konzept der Hausmesse sind Sie ein Risiko eingegangen…
Christoph Kissling: Ja, das sind wir. Aber wir standen im vergangenen November an einem Punkt, an dem wir uns entscheiden mussten, ob wir in Genf weitermachen oder ob wir etwas Eigenes aufziehen. Wir haben uns dann für letzteres entschieden.
 
Welche Gründe gaben dafür den Ausschlag?
Christoph Kissling: Erstens ist es so, dass der «Streuverlust» in Genf inzwischen ein wirtschaftlich nicht mehr vertretbares Ausmass angenommen hat, weil ein immer grösserer Teil der Besucher in der Halle weder aktuelle noch potenzielle Kunden waren. Hier dagegen haben wir innerhalb von zwei Tagen weit über 1000 Besucher, der grösste Teil davon aus der für uns und für unsere Lieferanten relevanten Zielgruppe. All in kostet uns dieses Konzept zumindest nicht mehr als Genf, das Geld ist aber deutlich besser investiert. Zweitens erlaubt das Konzept der Hausmesse, dass wir unseren Lieferanten einen eigenen Stand zur Verfügung stellen können – und nicht, wie in Genf, irgendwo an irgendeiner Wand ein Logo oder, im besten Fall, eine Vitrine in irgendeiner Ecke am Stand. Indem wir die Position unserer Lieferanten mit ihren qualitativ sehr hochwertigen Produkten stärken, stärken wir auch unsere Position gegenüber unseren Kunden.
 
Wie stark hängt der Entscheid, wieder nach Genf zurückzukehren, von der Bilanz nach der ersten eigenen Hausmesse ab?
Christoph Kissling: Das mag jetzt etwas überraschend klingen, aber die Bilanz der Hausmesse ändert an unserer Haltung in bezug auf Genf überhaupt nichts. Wir werden nicht mehr nach Genf zurückkehren. So oder so.
 
 
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